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Die Abi-Zeitung

Deutsch in der Oberstufe - Ein Nachruf

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NACHRUF

Deutsch in der Oberstufe

Den Toten in stillem Gedenken - den Hinterbliebenen, den ferneren
Verwandten Frau Schmoll und Herrn Meyer und dem Lehrplan.


Er oder sie war ein Schüler, der, wie es das Schicksal wollte, in den Deutschunterricht der Oberstufe eintrat.

Wenn er glaubte, daß das Leben mit der Schule nichts gemein hat, dann war er im Irrtum. Wenn die größten Schwarzseher (...) im voraus die ganze Bitterkeit dieser kommenden Monate ausgekostet (...) und ihre letzten Kräfte angespannt hätten, um, ohne zu versagen, diesem auf so viele Tage ausgedehnten Leiden gewachsen zu sein, dann kamen sie auf den Gedanken, warum die Krankheit nicht länger als sechs Halbjahre dauern sollte, vielleicht viel länger - ein Leben lang ? (3)

Selbst noch unfertig, stellte er sich jedoch unbedarft den Antworten, die seine Lektüre ihm auf die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens und der Weltordnung gab, und der Identifikation mit den Handelnden. Doch er mußte sie alle zu Grabe tragen...

 

1) Der Schüler Gerber


2) Einer flog über das Kuckucksnest

 
3) Die Pest

 

  • Tarrou

  • Pater Paneloux

  • Mme. Rieux


...aus den Lymphknoten entleerte sich eine mit Blut untermischte breiige Flüssigkeit. Die zerfleischten Kranken bluteten. Meistens starb der Kranke in entsetzlichem Gestank.


4) Emilia Galotti


5) Woyzeck


Gelähmt vom tausendfachen grausamen Sterben, noch im Schatten des Leichenhaufens der Pest, hielt er für einen Moment inne im Waten durch Blut, um sich zu erinnern: ... Lernte er nicht eine Fremdsprache? Bot sie nicht die Möglichkeit, die Horizonte seines Bewußtseins zum Positiven hin zu erweitern? Doch Macbeths Antwort hatte er schon vorher gewußt:

"I am in blood stepp'd in so far, daß, wollt' ich nun im Waten stille stehn, Rückkehr so schwierig wär als durchzugehn."

Also dann... Ein guter Mord, ein echter Mord, wir haben schon so lange keinen mehr gehabt! (5)

 
6) Mme. Bovary

 
7) Effi Briest

 
8) Homo faber


Mit ihm ging der letzte, der ihm (dem Schüler) auch der liebste war, da er (Faber) begonnen hatte, sein Leben zum Positiven zu verändern. Doch wo der Mensch sich aufrafft, schlägt der Zufall zu.

Es war die Schuld des Schicksals. (6) Still, alles still, als wär die Welt tot. (5) Niemand hier? Gut, ich soll noch kälter werden. (4) Es hatte Zeiten gegeben, wo ich nach einer Schockbehandlung bis zu zwei Wochen betäubt herumlief und in dieser nebligen verwirrten Verschwommenheit lebte. (2) Das beweist uns, daß im Nervensystem zahlreiche Regelwidrigkeiten möglich sind. (6)Wer aber über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren. (4)Ist nicht nachgewiesen, daß (...) der Mensch dem Willen unterworfen ist ? Das ist ein Person, ein Mensch, ein tierischer Mensch - und doch ein Bète. Da setze mal einer (...)auf die Moral. (5) In jedem Traume führt der blutige Bräutigam ihm die Braut vor das Bette. Auf ihr weißes Hochzeitskleid fließt ein ganzer Schwall schwarzer Flüssigkeit wie Erbrochenes aus ihrem Munde. (6)Ach, was Welt! Geht doch alles zum Teufel, Mann und Weib! Du bist geschaffen aus Staub, Sand, Dreck. Willst du mehr sein als Staub, Sand, Dreck? Tanzt alle, immer zu! Schwitzt und stinkt! Furchtst Dich? Ich halts nit aus, es schaudert mich...im besten Falle geistig gelähmt werden und nur noch dahinvegetieren! - Er schnappt noch über mit den Gedanken. (5) Drei Seidel beruhigen jedesmal. (7) Aber du denkst zuviel. Er muß immer weiter(...) drehen und deuteln, bis wieder er der Geschlagene ist. (1)Warum ist der Mensch?.(5) ...das ist ein zu weites Feld. (7)Er macht mich ganz konfus mit seiner Antwort. Etwas, was wir nicht fassen, was uns von Sinnen bringt. Mir wird ganz schwindlig vor den Menschen. Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht. Es dreht sich mir vor den Augen. (5) Ich muß leben, aber ewig wird es ja wohl nicht dauern. Ich sehe gern Kirchhöfe. (7) Auf der Welt ist kein Bestand, wir müssen alle sterben, das ist uns wohlbekannt. Selbst das Geld geht in Verwesung über. (5) Alles, was uns Freude machen soll, (...) und was uns heute noch beglückt, ist morgen wertlos. (7) Bei den einen war bezüglich des Lebens eine tiefwurzelnde Skepsis entstanden, die sie nicht mehr loswerden konnten. Die Hoffnung hatte keine Macht mehr über sie. (3)Ich könnt mich erstechen ... die Welt wird schlecht, sehr schlecht. Der Mensch ist frei ... oh, er ist dumm, ganz abscheulich dumm! Wohin, weiß ichs? (5)Und dann fiel ihm nichts mehr ein, er glaubte nichts und dachte nichts, sein Hirn glich einem übergeschnappten Leierkasten. Sie wissen nicht weiter, Kandidat Leben? Es ist genug. (1)Ich hoffe, Sie sind nun endlich zufrieden. Sie haben mit Menschenleben gespielt, mit Menschenleben gepokert - als hielten Sie sich für einen Gott! (2) Sie wissen nichts von Wahrheit? Sie wissen nichts von Gerechtigkeit? Sie wissen nichts von Liebe? Davon wissen Sie nichts. Ich denke, es genügt. Wir sind fertig, Kandidat Leben... (1)Ein Gefühl der Befreiung überkam ihn - Ruhe, Ruhe... (7)

 

Naja, soweit ist es mit mir nicht gekommen - Ich gebe mir Mühe, mein eigenes, um einige hoffnungsvolle Aspekte reicheres Weltbild aufzubauen. Ich möchte hier auch sagen, daß Deutsch für mich immer ein interessantes Fach war und daß mir jedes Werk im einzelnen gefallen hat.

Aber: Was zuviel ist, ist zuviel. (7) Die Serie gescheiterter Schicksale, auf die wir zurückblicken, kann nicht gut tun. Der "Schüler Gerber" beispielsweise ist nicht zu unterschätzen - dazu liegt die Identifikation einfach nahe genug. Keine Angst, wir sind noch alle am Leben. Dennoch hat die Lektüre einigen schwerer zu schaffen gemacht, als man vielleicht gedacht hätte. Ich kann mich jedoch nicht daran erinnern, daß wir im Unterricht die direkte Beziehung zwischen uns und dem Inhalt hergestellt hätten. Überhaupt, wo bleibt die Motivation dabei, sich von Mal zu Mal mit der Analyse menschlicher Fehler und Irrwege auseinanderzusetzen, die doch unausweichlich und Vernunft und Willen zum Trotz auf die Katastrophe zusteuern? So hoch und mitreißend die literarische Qualität des Werkes auch sein mag, die Grundstimmung bleibt und lähmt die Freude. Da ist doch niemanden der Sturz in die Sinnkrise bzw. in die mangelnde Mitarbeit zu verdenken. Man kann ja versuchen, allem etwas Positives abzugewinnen und nach dem Motto "Schulbildung = Lebensbildung" versuchen, aus dem vielfach vorgeführten Scheitern den positiven Umkehrschluss zu ziehen. Es fällt aber einigermaßen schwer, das Konstruktive in Camus' Pessimismus zu erkennen. Ist das Leben denn ein solcher Irrtum, daß nur Tragödie der Gegenstand von Literatur sein kann? Wohl jeder stellt sich sicher mehr als einmal die Frage nach dem Sinn solcher Lektüre. Das Ziel, sich sadistisch daran zu freuen, die literarischen Personen ins Verderben rennen zu sehen, kann es ja wohl nicht sein. Bloße Textanalyse ist wiederum zu wenig, denn berühmtgewordene Literatur zeichnet sich nun mal durch tiefgründige Betrachtung menschlicher Gefühle und Ideen aus, die sich beim Lesen schwer ignorieren lassen. Wenn in der 12 und 13 vor allem die Untersuchung der literarischen Epoche und der stilistischen bzw. technischen Aspekte das Unterrichtsziel darstellte, war für mich eher der Inhalt eines Buches entscheidend. Ich suche darin nach Themen, die mich ansprechen, ich vergleiche die Erlebnisse der literarischen Personen mit meinen eigenen Erfahrungen. In der 12/13 tauchte das Wort "Meinung" noch zu selten auf, und wenn, dann zumeist, wenn Uneinigkeit bezüglich der objektiven Interpretation einer Textstelle herrschte - in der Textarbeit eben.

Im Deutschunterricht ziehen Schriftsteller, Denker, Gesellschaftskritiker und ihre Ideen an uns vorüber, während wir uns bemühen, sie nachzuvollziehen, den Anforderungen ihrer Analyse nachzukommen - was ohne Zweifel auch eine spannende Aufgabe sein kann; ich kann nicht sagen, ich hätte mich gelangweilt. Ein bißchen mehr eigene Produktivität aus uns selbst heraus und ein bißchen aufbauendere Literatur hätten jedoch nicht geschadet.



( Jutta Rothe )

 


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des Jahrgangs 1996 an der MLS Rimbach/Odw.